Der fürstliche Kapellmeister und sein bürgerliches Wohnhaus

 

Joseph Haydn (1732 - 1809) erwarb das barocke Haus 1766 als fürstlicher Kapellmeister am Esterházyschen Hof und bewohnte es 12 Jahre lang. Das Haus brannte 1768 und 1776 ab, wurde aber immer wieder aufgebaut. Die erhaltene Brandkonskription – eine Auflistung der verbrannten Möbel und Wertsachen – erlaubt detaillierte Einblicke in die damalige Ausstattung des Hauses.

 
Am 2. Mai 1766 kaufte der Fürstlich Esterházysche Hofkapellmeister Joseph Haydn das Anwesen Klostergasse Nr. 82 – heute Joseph Haydngasse Nr. 21 –, das er und seine Frau Maria Anna Theresia zwölfeinhalb Jahre lang bewohnten. Haydn wurde beinahe auf den Tag genau fünf Jahre zuvor mit Kontrakt vom 1. Mai 1761 als Esterházyscher Vizekapellmeister angestellt. In den ersten fünf Jahren seiner Tätigkeit in Eisenstadt wohnten er und seine Frau in Untermiete in Eisenstadt. Zwei Monate vor dem Ankauf des Hauses, am 3. März 1766, starb der seit 1728 amtierende Hofkapellmeister Gregor Joseph Werner, und Haydn rückte an dessen Stelle nach. 
 
In der "Convention und Verhaltens-Norma" (Haydns Dienstvertrag von 1761) ist unter Punkt 3 ausdrücklich die Mahnung enthalten, der Vizekapellmeister möge allzu große Familiarität mit seinen Untergebenen, "(...) gemeinschafft in essen, trincken, und anderen umgang vermeiden, um den ihme gebührenden RESPECT nicht zu vergeben (...)". Umso mehr glaubte der nunmehrige Kapellmeister Haydn, sich in der neuen Stellung eine selbständige Unterkunft leisten zu müssen, die auch nach außen hin die Position eines höheren fürstlichen Funktionärs widerspiegelt.
 

Das Haus Klostergasse Nr. 82, das Joseph Haydn von der Adlerwirtin Euphrosina Schleicher – Witwe des Mitglieds des Äußeren Rats Jakob Schleicher – kaufte, trägt am Torbogen des Kellereingangs die Jahreszahl 1747 eingemeißelt. Die Jahreszahl gibt nicht das Datum der Errichtung des Gebäudes, sondern jenes der Vollendung der letzten Umbauphase vor Haydn wieder. Die Bausubstanz reicht, wie vor allem das im vorderen Hofteil 1974/75 freigelegte spätgotische Fenster belegt, bis ins 16. Jahrhundert zurück. Die Grundstücke der Klostergasse grenzen mit ihrer Rückseite an die nördliche Stadtmauer von Eisenstadt. Die Häuser sind mit ihren Innenhöfen jeweils paarweise einander zugekehrt und vorwiegend von Handwerkern und Beamten besiedelt. 
Aus dem Eisenstädter Grundbuch von 1758 geht deutlich hervor, dass das Haus, das Haydn kaufte, aus zwei Wohnungen, je einer pro Geschoß, bestand. Das Obergeschoß, das Haydn dann tatsächlich bewohnte, hat insgesamt fünf Zimmer einschließlich eines Vorzimmers ("Vor Sall, so klein"). Die Vorbesitzerin Euphrosina Schleicher, welche noch das Wohnrecht behielt, wohnte bis zu ihrem Tod 1767 vermutlich in dem aus drei Räumen bestehenden Erdgeschoß. 
Dem Grundbuchsprotokoll kann man entnehmen, dass zwar die innenarchitektonische Disposition des Hauses mit dem heutigen Zustand übereinstimmt, das ursprüngliche Haus jedoch nur einen Teil des Komplexes ausmachte, wie er an die Nachwelt kommt. Der Querflügel (die zur Stadtmauer hin gelegenen drei Räume), der auch über die Treppe in der rechten Ecke des Hofes zu erreichen ist, wurde erst im 19. Jahrhundert vom Folgebesitzer an Stelle der zur Haydns Zeit dort befindlichen Stallungen bzw. eines Heubodens angebaut. 
 
 
Schließlich die "Hausgründe": Wie im Falle der meisten anderen Eisenstädter Hausbesitzer gehörten zum Haus Klostergasse Nr. 82 grundbücherlich noch kleinere Weingärten und Äcker in der Umgebung der Stadt, darunter auch das an der Rückseite des ehemaligen Bürgerspitals gelegene "Kuchlgärtl beym oder hinter dem Spittal" mit Gartenhäuschen. Der noch bestehende und liebevoll gepflegte Küchengarten mit dem darin befindlichen Holzhäuschen ist heute ein touristischer Anziehungspunkt des historischen Eisenstadt. 
Der Kauf des privaten Wohnhauses kann vom Ehepaar Haydn nicht von allzu langer Hand geplant gewesen sein. Haydn, der als fürstlicher Kapellmeister zu dieser Zeit ein fixes Bareinkommen von rund 782 Gulden im Jahr bezog, tat sich mit der Finanzierung keineswegs leicht. Der Kaufpreis wird mit etwa 1500 Gulden angenommen. Aus einer Eingabe an seinen Dienstherrn vom Herbst 1770 geht hervor, dass Haydn ein Darlehen von 400 Gulden aufnahm. Des weiteren scheint er mit der Vorbesitzerin, Euphrosina Schleicher, die Abstattung des Kaufpreises in Raten zu je 350 Gulden jährlich bis 1768 vereinbart zu haben. Nach deren Tod im Jahre 1767 wurde Haydn verlassenschaftsgerichtlich angehalten, den "noch restirenden Kauffschilling" von 700 Gulden zu begleichen. Um diese Barsumme kurzfristig aufzubringen, war er gezwungen, bei seinem Schwiegervater – Johann Peter Keller, Perückenmacher in Wien – ein Darlehen in der Höhe von 500 Gulden aufzunehmen. Erst nach dessen Tod, 1778, kurz bevor er seinerseits sein Wohnhaus weiterverkaufte, beglich er dieses an dessen Erben. 
 

Brände 

Gerade in jenen zwölfeinhalb Jahren, als Haydn seine private Bleibe innerhalb der Stadtmauern hatte, wurde Eisenstadt von zwei großen Bränden heimgesucht. Am 2. August 1768 brach in der Freistadt ein Brand aus, der volle zwei Tage dauerte und besonders die Klostergasse in Mitleidenschaft zog. In der ganzen Stadt blieben nur die Stadtpfarrkirche St. Martin sowie 19 Häuser verschont. Der Gesamtschaden an Haydns Haus wurde vom Eisenstädter Magistrat inklusive aller Materialien, Arbeiten und Verlust an persönlichen Gütern mit insgesamt 1148 Gulden 27 Kreuzern beziffert. Haydn wäre zu diesem Zeitpunkt ein ruinierter Mann gewesen, hätte nicht Fürst Nikolaus das Haus seines Kapellmeisters auf Kosten und mit dem Personal der Fürstlichen Domäne wieder aufbauen lassen. Haydn benutzte diese glückliche Wendung dazu, das Haus um ein Zimmer zu erweitern. Hierfür hatte er allerdings 50 Gulden an die fürstliche Generalkassa abzuführen. Bei dem neu errichteten Zimmer handelt es sich offensichtlich um den letzten großen Raum im Obergeschoß des Hauses, der auf ein bereits bestehendes Gewölbe aufgesetzt wurde. Erst einer der Nachbesitzer Haydns schloß die noch bestehende Lücke zur Stadtmauer hin mit dem Anbau des schmalen Querflügels, der die Hinterfront des Gebäudes bildet. 
Der Brand ist sowohl aus Haydns biographischer als auch aus musikgeschichtlicher Sicht als folgenschwer anzusehen, da eine Reihe von Manuskripten mit dem Haus den Flammen zum Opfer fiel und Lücken im Werkverzeichnis des Komponisten hinterließ. 
Der zweite Brand vom 17. Juli 1776 forderte neben den beiden Klöstern in der Klostergasse wieder 104 Häuser der Freistadt, unter ihnen abermals das Haus Haydns. Diesmal allerdings war der Schaden wesentlich geringer: Er wurde in einer Konskription über die Aufteilung eines Königlichen Darlehens von fünfzehntausend Gulden an die "Abbrändler" im Falle Haydns mit 363 Gulden beziffert. Haydn erhielt aus dem Darlehen nichts, denn abermals ersetzte der Fürst den Schaden. 
Bei einer Innenrestaurierung im Jahr 1994/95 durch das Österreichische Bundesdenkmalamt stellte sich heraus, dass die vorderen Wohnräume etwa dieselbe Schichtenanzahl von Farbanstrichen besitzen wie der hintere große Raum des Anbaues. Haydn ließ wohl nach dem großen Brand von 1768 alle Räume seines Hauses von Grund auf abscheren und neu ausmalen, so dass mit 1768 für die Innenausstattung des Haydn-Hauses sozusagen das "Jahr Null" anzusetzen ist. 
 

Nachbarschaftlicher Ärger 

Die beiden Brände waren indirekt Ausgangspunkt für einigen Ärger, der Haydn aus Streitfällen mit seinen beiden Nachbarinnen erwuchs. Das Haus Nr. 81 – jenes Haus, das mit jenem Haydns einen gemeinsamen Innenhof besaß – war im Besitze der Weißgerberswitwe Magdalena Frumwaldin. Auf der anderen Seite in Nr. 83 wohnt Frau Theresia Spächin, die Witwe des fürstlichen Beamten Georg Späch. Beim Wiederaufbau des Haydnschen Hauses stützte man auf der gemeinschaftlichen Feuermauer, die Haydns Hof von dem der Frau Frumwald trennte, die Dachung des Haydnhauses ab. Nachdem Frau Frumwald im Frühjahr 1769 durch Entfernen der Stütze – um halb fünf Uhr Früh – das Dach von Haydns Haus zum Einsturz brachte, klagte das Ehepaar Haydn die Nachbarin. Nach einer amtlichen Begehung wurde entsprechend eines umfangreichen Senatsprotokolls vom 29. April schlussendlich ein Vergleich zwischen den streitenden Parteien erzielt. Demnach wurde die Trennmauer für gemeinschaftlich erklärt und beiden Parteien untersagt, auf den von ihnen errichteten Teilen "aufzubauen". 1773 begehrte Haydn beim Rat der Stadt einen Revers, da Frau Frumwaldin entgegen dem seinerzeitigen Vergleich auf "ihrem" Teil der Mauer aufgebaut habe. 1776, unmittelbar nach dem zweiten Brand, wurde Haydn seinerseits von der Besitzerin des Hauses Nr. 83, Frau Theresia Spächin, geklagt, weil der Wiederaufbau zu einer "nachteiligen Dachung" für ihr eigenes Haus geführt habe. Dieser Streit war jedoch offensichtlich geringerer Natur. 
 
Anfang der 1770er Jahre besserte sich die finanzielle Situation Haydns ein wenig. Nachdem er mit seiner Frau nur das Obergeschoß bewohnte, brachte er im Erdgeschoß seit dem Tod von Frau Schleicher seine jeweiligen Schüler unter. Über Vermittlung des Grafen Ladislaus Erdödy nahm der Komponist von 1772 bis 1777 den aus Niederösterreich stammenden Ignaz Pleyel (1757–1831), der später im revolutionären und kaiserlichen Frankreich eine fulminante Karriere durchlaufen sollte, als Kostgänger und Schüler auf. Der Graf bezahlte ihm hiefür ein Jahrgeld von 100 Louisdors. 
Für diesen und andere Schüler, vor allem aber auch für den Esterházyschen Kopisten Johann Elssler, war die untere Etage des Wohnhauses reserviert. Bei dem ungeheuren Bedarf des fürstlichen Dienstherrn an neuer Musik war es unumgänglich, einen Kopisten in Reichweite zu haben. Haydns Wohnhaus war folglich nie ein reines Privathaus, sondern auch eine Art "Manufaktur Haydn". 
 

Verkauf 

Nachdem Nikolaus I. Esterházy im Jahr 1762 regierender Fürst wurde, beschloss er, sein Jagdschlösschen in Süttör am Südufer des Neusiedler Sees in seine neue Residenz umzubauen – Schloss Eszterháza. Im Jahre 1768 war der Bau des Operntheaters und der Musikerunterkünfte fertig. Durch den ab 1776 eingeführten durchgängigen saisonalen Opernbetrieb von Februar bis November verlagerte sich der Mittelpunkt von Haydns dienstlich-künstlerischem Lebensinteresse gezwungenermaßen dorthin. Tatsache war nunmehr, dass Joseph Haydn sein privates Haus in Eisenstadt nicht mehr benötigte. Mit dem "Hauß Kauff Contract" vom 27. Oktober 1778 verkaufte er sein Haus und alle zugehörigen Liegenschaften um den "Kauffschilling" von 2000 Gulden an den fürstlichen Buchhalter Anton Lichtscheidl. Das Ehepaar Haydn hatte ab diesem Zeitpunkt bis 1790 seinen Hauptwohnsitz im Musikerhaus von Eszterháza. 
 

Nach Haydn 

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren Eisenstädter Bürger Nachfolger Haydns als Besitzer des Hauses. Eine erste Würdigung als Gedenkstätte erfolgte kurz vor der Jahrhundertwende durch den Eisenstädter Männergesangsverein, der 1898 eine Gedenktafel mit folgendem Text widmete "Dem unsterblichen Mitbürger, den sein schöpferischer Geist aus diesen engen Mauern unter die Großen der Welt erhob." Eine weitere Gedenktafel folgte 1923: "In diesem Hause wohnte und wirkte Josef Haydn. 1766–1778". 
Anlässlich des 200. Geburtstages Joseph Haydns zeigte Sandor Wolf 1932 in seinem Privatmuseum eine "Haydn-Gedächtnisausstellung" aus seinen eigenen Beständen. Im Juni 1935 gelang es dem 1925 gegründeten Burgenländischen Heimat- und Naturschutzverein, der sich eine breite Sammlung aller natur- und kulturhistorischen Denkwürdigkeiten des Burgenlandes zum Ziel gesetzt hatte, drei Zimmer im Hoftrakt des Haydnschen Wohnhauses anzumieten, um darin ein ständiges Haydn-Museum einzurichten. Der Eisenstädter Stadtrat und Zimmermeister Karl Kritsch, Gründungsmitglied und Vereinsobmann, zudem auch als Landeskonservator des Burgenlandes tätig, gilt auf diese Weise als Schöpfer des Eisenstädter Haydn-Museums. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Haus zusammen mit den verschiedenen Sammlungen in das Eigentum des Landes Burgenland über. In den siebziger Jahren wurde das Gebäude nach und nach zu einer ausschließlich Haydn gewidmeten, musealen Gedenkstätte umgestaltet. 
Die Erwerbung des benachbarten Frumwaldhauses im Mai 1998 durch die Internationale Joseph Haydn-Privatstiftung Eisenstadt ermöglichte nicht nur eine räumliche Erweiterung der Sammlung, sondern löste auch eine Neugestaltung aus. Der Grundgedanke dabei war es, das Museum mit moderner Ausstattung zu versehen und der Gedenkstätte eine Präsentationsform zu verleihen, die modernen Standards entspricht. 
In den neu gewonnenen Ausstellungsräumen finden seit 1998 alljährlich Sonderausstellungen ergänzend zur Dauerausstellung des Haydn-Hauses statt. 
Das Haydn-Haus erhielt 2008 das Museumsgütesiegel des Internationalen Museumsrates (ICOM). Die Verleihung des Museumgütesiegels fand bei einer feierlichen Zeremonie im Wiener Kunsthistorischen Museum statt.
Anlässlich des Haydn-Jahres 2009 wurde die gesamte Inneneinrichtung saniert. Sicherheits- und Brandschutztechnik sowie die Vollklimatisierung der Räume erfüllen internationale Standards. Im Zuge umfangreicher Restaurierungsarbeiten unter Leitung des Denkmalamtes wurden in Haydns Wohnzimmer und seiner „Schlafkammer“ aufwendig gemachte Wandmalereien freigelegt und rekonstruiert. 
Der Gesamtkomplex wird seit 16. 12. 2009 von der Kultur-Service Burgenland GmbH betreut.
Im Frühling 2011 wurde in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt auch im Wohnzimmer die originale Wandmalerei aus Haydns Zeit freigelegt. Die aufwändige Malarbeit belegt die Nutzung als Repräsentationsraum.